Wer schamanisch arbeitet, kommt an Krafttieren kaum vorbei. Dennoch ist der Begriff vielen unklar und wird auch oft missverständlich gebraucht.
Ein Ziel der schamanischen Arbeit ist, dass der Praktizierende sein Krafttier kennenlernt, sich seiner Fähigkeiten bewußt ist und diese für sich nutzen kann.
Sein Krafttier kann man auf unterschiedliche Weise finden. Wer sich mit schamanischen Reisen auskennt, kann gezielt in der Anderswelt auf die Suche gehen.
Ein Krafttier kann sich jedoch auch auf andere Arten melden: in Träumen, im täglichen Leben, selbst in Büchern oder im Fernsehen. Ein Krafttier ist nicht zwangsläufig
das Lieblingstier, das kommt sogar eher selten vor. Unser Krafttier ist nicht das Tier, das wir wollen, sondern das, dessen Eigenschaften auf unsere Bedürfnisse und Defizite antwortet!
Alle Tiere können Krafttiere sein, auch wenn einige Praktizierende die Auffassung vertreten, dass z.B. Insekten, Würmer etc. nicht als Krafttiere geeignet sind.
Die meisten ernsthaft schamanisch Arbeitenden haben sogar mehrere Krafttiere, die für jeweils andere Teile der Persönlichkeit, andere Defizite und Bedürfnisse zuständig sind. Manche
Krafttiere bleiben ein Leben lang, manche nur für einen bestimmten Zeitraum, in dem sie gebraucht werden. Wenn ihre Aufgabe erfüllt und unser Problem behoben ist, verschwinden sie in den unendlichen
Weiten der Anderswelt. Uns bleibt dann die Dankbarkeit diesem Tier gegenüber sowie ein bleibendes Gefühl der Verbundenheit.
Wichtig für die Arbeit mit dem Krafttier ist, nicht in eine Konsumhaltung zu verfallen, indem man sich nur mit ihm beschäftigt, wenn man irgendwie in Not ist. Es ist völlig in Ordnung, eine Reise
zu seinem Tier zu machen, um ihm eine Frage zu stellen oder ein Problem darzulegen. Allerdings sollte man immer fragen, was man für sein Tier tun könnte, quasi als Gegenleistung für einen erteilten Rat.
Auch wenn man keine Reise macht, sollte man sich bemühen, "krafttiergerechte" Aktionen zu unternehmen. Das kann alles sein, was diesem Tier gefällt: etwas Schönes essen, Tanzen gehen, bestimmte Farben tragen,
ein passendes Parfum oder Räucherwerk mischen, Rituale machen, ein Bild davon malen, usw. Wem das zu mühsam erscheint, sollte sich vergegenwärtigen, dass man alles, was man für sein Krafttier tut, eigentlich
für sich selbst unternimmt!
Wie spreche ich mein Krafttier an? und wie antwortet es mir? Das kommt auf die eigene Sicht der Anderswelt an. Jeder empfindet die anderen Wirklichkeiten anders, ebenso wie die Art der Kommunikation. Ein
Krafttier muss nicht in unserer Sprache sprechen, oft zeigt es einem eher Dinge oder "spricht" durch Gesten und Bewegungen. Diese muss man deuten. Da jedoch das Krafttier die Antwort der Anderswelt auf unsere Traumata, Probleme und Defizite
ist, können wir davon ausgehen, dass jeder das Krafttier, das ihm gegeben ist, auch versteht.
Wer sein Krafttier findet, wird wahrscheinlich erstaunt sein, dass es ausgerechnet dieses Tier ist. Fragen nach dem warum? beantworten sich meist sehr schnell, weil das, was das Krafttier vermittelt,
genau das ist, was einem gefehlt hat, auch wenn man sich dessen nicht bewußt war. Wer nun mit seinem ersten (oder einem neuen) Krafttier bekannt wurde, sollte sich nicht gleich auf alle verfügbaren Informationen zu diesem Tier als schamanischem
Krafttier stürzen. Jeder Autor sammelt Eigenschaften dieser Tiere in allgemeiner Form, um einer möglichst großen Leserschaft brauchbare Informationen zugänglich zu machen. Die müssen aber nicht unbedingt die Aufgabe charakterisieren,
die Dein Krafttier für Dich ausfüllt! Besser ist es daher, sich erst mal mit diesem Tier auf ganz banale "zoologische" Weise vertraut zu machen (Brehms Tierleben, Zoobesuche, etc.). Man kann auch Symbollexika wälzen, ob es bei irgend einem dort erwähnten
Detail "klingelt". Man kann auch einfach ganz sinnfrei dasitzen und rasseln, trommeln oder singen, nur für das Krafttier, bis man eine Inspiration bekommt, was man unternehmen könnte, um den Aspekt dieses Tieres in der eigenen Persönlichkeit zu stärken.
Eine spielerische Herangehensweise ist nie verkehrt, diese lockt die Bewohner der Anderswelt eher an als verbissenes Abarbeiten der "Eingenschaftslisten" schamanischer Werke.
Ein Krafttier hat immer Wirkung auf seinen Menschen, auch wenn man mal nicht so viel mit ihm arbeiten kann. Für den Umgang mit seinem Tier gibt es ein paar Regeln,
die man beachten sollte:
- Ein Krafttier ist nicht Dein Sklave! Widme Dich ihm nicht nur, wenn's mal wieder brennt!
- Du bist nicht der Sklave Deines Krafttiers! Es wird Dir mitteilen, wenn es einen Wunsch hat, vorauseilender Gehorsam ist nicht angebracht. Auch nicht die christliche Marotte der Selbstkasteiung, um seinem Krafttier eine vermeintliche Freude zu machen.
- Wenn Du zu Deinem Tier reist, um ihm eine Frage zu stellen, bedanke Dich für seine Hilfe. Biete ihm im Gegenzug an, auch etwas für es zu tun!
- Spiel' mit Deinem Krafttier, lade es zum Tanzen oder zu einem schönen Essen ein.
- Schaffe Deinem Krafttier eine sichtbare Präsenz in Deinem Leben: male ein Bild, beschaff' Dir von einem realen Vertreter dieser Gattung einen Teil (nur wenn dies auf tierfreundliche Weise möglich ist), fertige einen Medizinbeutel an, in dem Du Substanzen
verwahrst, die Deinem Krafttier entsprechen.
- Arbeite mit den Botschaften Deines Krafttiers, bis Du sie verstanden und sinnvoll umgesetzt hast. Nicht alles erschließt sich sofort.
- Ehre Dein Krafttier auch mal in einem Ritual.
- Wenn Dein Krafttier sich verabschiedet, weil es seinen Zweck erfüllt hat, ehre es, tue ihm etwas Gutes, behalte es in dankbarer Erinnerung.